Wie sicher ist sicher?

Wie sicher ist sicher?

Ein Interview mit Fotograf Salvatore Vitale über sein Forschungsprojekt «How to Secure a Country».

1. Multiperspektivischer Denkraum

 

Giulia Bernardi: In deinem Forschungsprojekt «How to Secure a Country», das sowohl fotografische Arbeiten als auch Recherchematerial beinhaltet, machst du die Schutz- und Präventionssysteme sichtbar, die unseren Alltag durchdringen. Warum ist es dir wichtig, diese Mechanismen offenzulegen? 

Salvatore Vitale: Der Begriff der Sicherheit an sich ist ja schwer fassbar: Was bedeutet Sicherheit? Was bedeutet es, ein Land sicher zu machen? Und wie viel Freiheit ist man bereit, für die eigene Sicherheit aufzugeben? Es ging mir darum, das System von innen heraus zu erforschen und Orte wie auch Akteur*innen sichtbar zu machen, die für die Sicherheit in der Schweiz zuständig sind. Allerdings verfolgt das Forschungsprojekt keinen investigativen Ansatz; es hat nicht als Ziel, das System zu entlarven, sondern eine Atmosphäre zu schaffen, die das schwer fassbare gesellschaftliche Befinden und die strukturelle Gewalt des Systems spürbar macht.

 

GB: Welche Rolle spielt die Wahrnehmung der Besucher*innen in deiner Ausstellung?

SV: Das Publikum spielt bei meinen Arbeiten immer eine wichtige Rolle. Vor allem bei komplexen Themen wie jenem der Sicherheit ist es nicht meine Absicht, ein bestimmtes Bild zu vermitteln oder eine bestimmte Aussage zu machen. Ich möchte das Thema für die Besucher*innen zugänglich machen, sie sollen sich damit auseinandersetzen und ihre eigene Wahrnehmung schärfen. Aus diesem Grund zeige ich in der Ausstellung Recherchematerial in Form von Datenanalysen und -visualisierungen, die die Fotografien ergänzen.

 

GB: Im Rahmen deines Forschungsprojekts hast du während fast fünf Jahren verschiedenste Institutionen untersucht: von Militär- und Migrationsbehörden bis hin zu Wetterdiensten und Forschungsstellen für Robotik und künstliche Intelligenz. Wie viel Material ist daraus entstanden, und wie bist du damit umgegangen?

SV: Ich bin kein Künstler, der viel Material produziert. Meine Arbeit besteht grösstenteils aus Recherche; sobald ich anfange zu produzieren, fokussiere ich mich auf jene Elemente, die das, was ich erzählen möchte, visuell unterstützen. Dabei arbeite ich nicht nur fotografisch, sondern auch mit unterschiedlichen Medien wie Video, räumlichen Installationen oder Visualisierungen von Daten. All diese Bestandteile werden miteinander vernetzt und unterstützen das Narrativ.

 

GB: Wie bist du bei der Auswahl für die Ausstellung vorgegangen?

SV: Das Projekt ist keine vollständige Studie des Schweizer Sicherheitskomplexes. Einiges war nicht realisierbar, beispielsweise durfte ich aus sicherheitstechnischen Gründen nicht in Atomkraftwerken oder in den Gebäuden des Geheimdienstes fotografieren. Auslassungen waren also notwendig, teilweise aber auch gewollt: Gewisse Aspekte zeige ich bewusst nicht, um die Besucher*innen zu ermutigen, sich Fragen darüber zu stellen.

 

GB: Erzeugen diese Auslassungen auch Unsicherheit?

SV: Auf jeden Fall. Bei den Auslassungen ist allerdings wichtig zu unterscheiden, welche gewollt sind und welche nicht. In manchen Fällen hatte ich beispielsweise keinen Zugang zu gewissen Informationen, also habe mich entschieden, die Lücken explizit zu zeigen. So wird auch für die Betrachter*innen nochmals deutlich, wie schwer fassbar das Konzept der Sicherheit doch ist.

 

 2. Cybersicherheit und Digitalisierung

 

GB: Deine Fotografien zeigen Monitore mit Bildern von Überwachungskameras der Schweizer Grenze oder eine Seepolizistin auf Patrouille. Doch wie macht man abstrakte Konzepte wie beispielsweise jenes der Cybersicherheit fassbar?

SV: Das habe ich mir lange überlegt und bin schliesslich zum Entschluss gekommen, dass das Medium der Fotografie dafür nicht geeignet ist. Um Cybersicherheit auf eine andere Art und Weise erfahrbar zu machen, haben wir in der Fotostiftung den Boden mit Bewegungssensoren ausgestattet. Je nachdem, welchen Weg die Besucher*innen durch die Ausstellung wählen, verändert sich die Musik, die im Hintergrund spielt. Die Tatsache, dass wir im Internet unbewusst Fussspuren hinterlassen und tagtäglich Daten über unser Nutzungsverhalten übermitteln, machen wir so in der Ausstellung akustisch erfahrbar.

 

GB: Beeinflusst das mangelnde Verständnis für unser Nutzungsverhalten auch, wie wir Bedrohungen wahrnehmen?

SV: Auf jeden Fall. Dadurch, dass im Cyberspace vieles nicht nachvollziehbar ist, nehmen wir auch die Gefahren nicht wahr. Unternehmen wie Google versuchen immer wieder, die Nutzer*innen darauf zu sensibilisieren, ein sicheres Passwort zu setzen. Doch dadurch, dass wir keine fassbare oder physische Bedrohung verspüren, sind wir nicht bereit, die entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. So liefern wir uns selbst Technologien aus, die wir immer weniger verstehen, die aber immer mehr unseren Alltag prägen.

 

GB: Wie wird Sicherheit in einem Jahrhundert wahrgenommen, in dem Digitalisierung und Technologisierung viele Systeme grundlegend verändern?

SV: Am Anfang meines Forschungsprojekts habe ich die Zollbehörden, das Militär oder auch die Polizei als die klassischen Akteur*innen für Sicherheit wahrgenommen. Doch diese Meinung musste ich schnell revidieren. Durch die Digitalisierung und die Interaktion zwischen Mensch und Maschine muss die Bedeutung von Sicherheit und Vertrauen neu verhandelt werden. Dieses Thema ist auch in meiner Arbeit präsent. Ich habe während meiner Recherche verschiedene Forschungsstellen für Robotik oder auch für künstliche Intelligenz untersucht, konnte das Thema aber nur grob anschneiden; schliesslich können wir heute noch nicht abschätzen, wo uns die neuen Technologien noch hinführen werden.

 

 3. Politische Agenda

 

GB: Unsere Wahrnehmung von Sicherheit hängt also davon ab, was wir als Bedrohung empfinden. Inwiefern trägt die politische Agenda zu unserer Einstellung dem gegenüber bei, was wir als sicher beziehungsweise als unsicher empfinden?

SV: Ähnlich, wie die politische Agenda unsere Meinungsbildung beeinflusst, beeinflusst sie auch unser Empfinden für Sicherheit. Ein gutes Beispiel dafür ist das Thema der Migration in der Schweiz. Obwohl ein Grossteil der Bevölkerung Migrationshintergrund hat, nehmen viele Migration als Bedrohung wahr. Dies verdeutlicht der Sorgenbarometer der Credit Suisse: Im Jahr 2018 gaben 37 Prozent der Schweizer Stimmberechtigten Ausländer*innen als zweitgrösster Grund zur Sorge an. Auf Platz 3 folgten Flüchtlinge und Asylfragen, wofür sich 31 Prozent aussprachen. Diese Ängste werden durch politische Akteur*innen geschürt. Die Schweiz ist für mich ein Fallbeispiel für eine globale Situation.

 

GB: Dies verdeutlicht auch die Volksinitiative «Gegen Masseneinwanderung», die im Frühjahr 2014 angenommen wurde. Was hat diese Initiative bei dir ausgelöst?

SV: Als die Initiative angenommen wurde, habe ich seit fast zehn Jahren in der Schweiz gelebt. Ich hatte mich bis dahin sehr wohl und integriert gefühlt. Doch nach der Abstimmung habe ich mich gefragt, wie ich darauf reagieren soll und welche Gründe die Menschen zu einer solchen Entscheidung bewegen. Ich fing an, mich mit der Schweizer Geschichte auseinanderzusetzen, Gespräche mit Soziolog*innen zu führen. Während meiner Recherche tauchte der Begriff der Sicherheit immer wieder auf. Ich wollte erforschen, wie Identität, Ausgrenzung und Schutz in der politischen Debatte miteinander verschmelzen – und dies in einem Land, das gemeinhin als eines der sichersten Länder der Welt gilt.

 

GB: Du bist im Alter von 18 Jahren von Sizilien nach Lugano gezogen. Inwiefern unterscheidet sich die Einstellung zu Sicherheit in der Schweiz und Italien?

SV: Das ist vielleicht ein Klischee, dennoch ist in der Schweiz das System viel effizienter und transparenter als in Italien. Entsprechend ist das Vertrauen der Schweizer Bürger*innen in die Behörden und Institutionen sehr hoch, was auch die Studie «Sicherheit 2018» des Bundesrats verdeutlicht. 2018 liegt das Vertrauen in Behörden und Institutionen bei 6.7 auf einer Skala von 1 bis 10. Im Jahr 2016 lag der Durchschnitt noch bei 6.3. So neigen die Bürger*innen viel eher dazu, die öffentlichen Behörden, wie jene der Polizei, heranzuziehen. In Italien, vor allem in Sizilien, wo ich aufgewachsen bin, ist das Vertrauen geringer, was zur Folge hat, dass die Institutionen weniger involviert werden.

 

GB: Greift deine Ausstellung politische Debatten auf?

SV: Natürlich sind politische Themen in der Ausstellung präsent, beispielsweise jene zu Waffenexporten oder die Wahrung der Privatsphäre der Bürger*innen. Dennoch ist die Ausstellung nicht als politische Kritik zu verstehen, vielmehr als subtiler Aktivismus. Es ist nicht meine Aufgabe, die politischen Debatten zu befragen, sondern jene der Besucher*innen meiner Ausstellung: Ich präsentiere ihnen eine dichte Informationsumgebung mit Fotografien, aber auch mit Karten, Grafiken und Statistiken, über die sie sich ihre eigene Meinung bilden können. Ich denke, dass in der Öffentlichkeit die Diskussion um das Thema Sicherheit zu selten stattfindet oder zumindest nicht so, dass die Menschen daran teilhaben können. Es gibt immer wieder Debatten über Sicherheit, aber die Mechanismen dahinter werden viel zu wenig herausgearbeitet.

 

GB: Die Ausstellung war auch in anderen Ländern wie Italien, Grossbritannien, Japan oder China zu sehen. Wie war es, die Ausstellung in so unterschiedlichen Ländern zu präsentieren?

SV: Je nach Land waren die Reaktionen sehr unterschiedlich. In Japan ist die Akzeptanz und Präsenz von Sicherheits- und Präventionssystemen ähnlich wie in der Schweiz, weswegen es auch keine verblüffte oder verständnislose Reaktionen auf mein Forschungsprojekt gab. Doch in Nepal oder auch anderen europäischen Ländern, ist dies ganz anders. Viele Länder sind nicht über die politische Situation der Schweiz informiert. In China war es sehr schwierig, über das Thema Sicherheit zu sprechen: Viele meiner Fotografien wurden zensiert und aus der Ausstellung genommen. Gleichzeitig wurde mir vom Lianzhou Photography Festival ein Preis verliehen, was sehr widersprüchlich ist.

 

 

Salvatore Vitale (*1986 in Palermo) ist Fotograf und Publizist. Er studierte Bildende Kunst an der Zürcher Hochschule der Künste, doziert an der Hochschule Luzern und ist Mitbegründer und Chefredaktor der Zeitschrift «YET». Sein Forschungsprojekt «How to Secure a Country» ist bis am 26. Mai in der Fotostiftung Schweiz zu sehen.

 

«Der Balken in meinem Auge» ist eine geteilte Rubrik von Coucou und Zollfreilager, dem Kulturmigrations-Observatorium der ZHdK. Die darin erscheinenden Interviews beleuchten die Kultur, ihre Praxen und Politiken als Frage der Multiperspektivität. Das Interview wurde am 21. Februar 2019 in der Fotostiftung Schweiz geführt.

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