Freitag, der 13. – 13 Momente eines MFW-Abends

Freitag, der 13. – 13 Momente eines MFW-Abends

Der dritte Abend der Musikfestwochen: Winti-Night. Der Abend, an dem normalerweise in der Steinberggasse nur Winterthurer Bands spielen. Dieses Jahr finden die Konzerte im Rychenbergpark statt und man hat keine Gelegenheit dazu, kurz einen Abstecher auf den Kirchplatz zu machen und dort ins Nebenprogramm – den Nicht-Winti-Night-Bands – reinzuhören. Dieses Jahr sind das: Gamma Kite, L’Éclair und Lalalar. Und eins können wir euch verraten: Am Ende vom Abend hat Lalalar die Menge ordentlich zum Tanzen gebracht. Aber dort sind wir noch nicht. Wir – Sandra, Aleks, Julius – sind noch am Anfang vom Abend und starten an unterschiedlichen Orten.

 

  1. Die erste Station für Aleks ist das Testzentrum auf dem Technikumplatz, das extra für die MFW eingerichtet wurde. Wer an die Musikfestwochen will, muss ein Zertifikat vorweisen. Und da noch nicht alle Menschen, mit denen Alek umherzieht, eines haben, muss eines organisiert werden. Das Testzentrum neben der Treppe wirkt ein wenig zusammengebastelt: Empfang, Anmeldung sowie die Tests selbst werden auf Schützengarten-Tischen vorgenommen und durchgeführt – die knallblauen Schutzanzüge der Tester*innen in Kombination mit dem gelben Bierlogo ergeben einen hübschen Kontrast. Die Sonne pretscht auf den medizinisch blau-weissen Plastikpavillon. Und am Abend wird die Gruppe feststellen, dass – dem heutigen Datum zum Trotz – nicht einmal eine veraltete Krankenkassenkarte, abgelaufene ID, Tippfehler im Nachnamen und ein auf einem fremden Handy gespeichertes Zertifikat für die Musikfestwochen ein Hindernis sein müssen.
  2. Sandra macht sich um 18:00 Uhr – in etwa zeitgleich – auf zum Büelpark, um Coucou-Verpflichtungen nachzukommen.
  3. Julius wartet in der Stadt auf die Mitglieder eines Lesezirkels – schliesslich kann man wegen den Musikfestwochen ja nicht alles absagen. Auch in der fünften Jahreszeit warten Bücher darauf, gelesen, diskutiert und verstanden zu werden.
  4. Nach dem Auftritt der Startrampe-Bands beschliesst Aleks Gruppe, vom Rychenbergpark in den Büelpark zu wechseln. Nein, spontan war der Wechsel nicht. Aleks hatte beim Ticketkauf bereits vorgesorgt – ob wegen der Unentschlossenheit der Winterthurer Konzertgänger*innen beide Parks für den Abend so rasch ausverkauft waren? Der Büelpark wirkt, obwohl ausverkauft, nicht wirklich voll. Vielleicht ist der Park auch einfach grösser als erwartet. Nebenbei bemerkt, für alle die, die zwischen den Konzerten den Park wechseln: Wer sich dazu entscheidet, zu Fuss zu gehen – oder wen ein kaputtes Velo dazu zwingt –, muss dafür genug Zeit einplanen, es dauert eine gefühlte halbe Ewigkeit; mit dem Velo geht es recht fix … Achja, es wird gemunkelt, es gäbe ein Shuttlebus? Wer, wie, wo? What? Wieso steht die Info nirgends? Wer Bescheid weiss, informiere uns – bitte!
  5. Während Aleks noch umherzieht, verpasst Sandra im Büelpark die erste Band. Dafür chillt sie im VIP-Bereich und führt Gespräche mit den Künstler*innen der coucoukunst-Ausstellung, die sich dort zum Apéro versammelt haben. Die Werke, die sich am linken Rand des Festivalgeländes befinden, kann man erstehen. Wer nicht ganz so viel Geld ausgeben möchte, kann am Infopoint auch die Werke im Postkartenformat kaufen. Die Künstler*innen nach dem Entstehungsprozess der Werke zu fragen, lohnt sich. Man bekommt dann ein paar unerwartete und überraschende Geschichten zu hören – nicht alles, was aktuell im Büelpark zu sehen ist, war genau so gewollt. Nach dem Apéro sucht sich Sandra einen Platz, um konzentriert den Bands zuzuhören.
  6. Inzwischen ist auch Julius mit einem Teil des Lesezirkels im Büelpark eingetroffen. Als erstes gibt es mal was zu Essen und ein Bier – natürlich um dem Verlegenheitshaltungsunbehagen mittels eines Bechers entgegenzuwirken ( MFW-Text vom 12. August). Dann beginnt Lalalar zu spielen. Ihre elektronisch-psychedelischen Songs jagen anatolische Melodien durch den Park.
  7. Einige Minuten nach Konzert-Ende. Lalalar hat alle ausgepowert. Trotz der übersichtlichen Topologie des Areals ist es nicht ganz einfach, die Sanität zu finden. Die ist nämlich nicht fix an einem Standort, sondern in Gruppen unterwegs – Kreislaufkollapse, Panikattacken, Alkoholkonsumfehlplanungen – an den Bars wird hilfreich herumgefunkt und telefoniert, bis der ungefähre Standort ermittelt ist. 
  8. Inzwischen haben wir uns gefunden. Nicht lange nachdem die letzten Klänge verhallt sind, sagt uns eine Stimme, die wir aus dem Radio Stadtfilter kennen, dass wir das Gelände verlassen sollten. «Geht nach Hause.» Wir sind mitten im Wohnquartier, die Anwohner*innen wollen schlafen – schon klar. Aber wir und viele andere wollen noch nicht heim. Schliesslich ist Freitag, ja, Freitag der 13. Das muss gefeiert werden, sagt Aleks.
  9. Unentschlossen bleiben wir vor dem Büelpark stehen. Erst wollen wir ins Chrafti. Dort findet das MFW-Helfer*innenfest statt. Aber dann sagt jemand, im Albani laufe noch was. Das Albani … das war doch immer der Ort, an dem man sich nach den MFW-Konzerten versammelt hat. Der Ort, an dem die Party und das Gedränge weitergeht. Der Club, vor dem man stundenlang steht, bekannte Gesichter trifft und sich bis in die Morgenstunden verquatscht. Also gut, auf ins Albani!
  10. … Reinfall. Das Albani ist mehr oder weniger leer. In der Steibi hingegen «hat sich ein Botellón zusammengebraut». (Insider, das versteht nur, wer das Coucou abonniert und das Editorial gelesen hat.)
  11. Und nun? Wir sitzen auf dem warmen Steibi-Boden. Julius will anfangen, den Text über den Abend zu schreiben. Aleks bringt einen Becher Gin, und zwei Gläser Vermuth. Sandra holt ihren Laptop heraus. Im betrunkenen Zustand entsteht eine erste, verschwurbelte Version dieses Textes, der am nächsten Tag noch X Überarbeitung einfordern wird. Uuuuf.
  12. Irgendwann ist genug. Weil jemand unbedingt «Smells like Teen Spirit» singen will, wird der Laptop zur Karaoke-Maschine umfunktioniert. Dann noch zwei, drei Lieder. Karaoke mitten in der Stadt. Warum nicht? Die Boombox haben wir schon. Hui, liebe Anwohner*innen, es tut uns leid! Das passiert schneller, als wir dachten! Zwei Songs lang geht das Singen gut, dann verlieren alle wieder das Interesse dran. Was wollten wir nochmals machen?
  13. Ah stimmt, die Entscheidung treffen, wohin es als nächstes geht. Aleks ist für Ortswechsel. Also, auf ins Kraftfeld! … Wir stehen vor dem Kraftfeld herum. Es passiert nicht viel. Die Sätze bestehen inzwischen aus 50% Sprache und 50% Lallen. Unsere Gehirne sind längst belämmert vom Alkohol und der Nacht. Sie nehmen nur noch 50% der gesprochenen Sätze auf. Kommunikation im Halbdunkeln. Das Wort, was am häufigsten fällt, ist «Hä?» Dann lacht man und sieht darüber hinweg, sich nicht verstanden zu haben. Irgendwann – wer weiss schon wann? – gehen wir heim. Der dritte Tag der Musikfestwochen geht zu Ende.
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